Zum Inhalt wechseln

2018 wurde Lizzie Deignans Welt in Zahlen gemessen: Jeder Herzschlag, jedes Watt und jedes Gramm wurden erfasst, optimiert und verglichen.

Zu jener Zeit zählte Lizzie zu den drei besten Fahrerinnen der Welt. Sie hatte eine olympische Silbermedaille gewonnen, war Weltmeisterin und eine der erfolgreichsten Athletinnen im Frauenpeloton. Dann verkündete sie im Frühjahr desselben Jahres, dass sie mit ihrem ersten Kind schwanger war.

Eine Schwangerschaft folgt keinem Trainingsplan. Sie programmiert den Körper um. Muskeln werden weicher. Das Blutvolumen steigt. Ein Körper, der auf Effizienz trainiert ist, beginnt verschwenderisch zu arbeiten und seine Ressourcen auf den neuen Menschen zu konzentrieren.

Der Profiradsport bot keinerlei Lösung für diese neue Phase. In den Verträgen gab es weder Klauseln hinsichtlich des Mutterschutzes noch einen Plan für Sportlerinnen, die Karriere und Familie vereinbaren wollten. Stattdessen gab es eine einfache unausgesprochene Regel: Wenn du schwanger wirst, beendest du deine Karriere.

Lizzies damaliges Team, das sie selbst zu einem der besten der Welt mit aufgebaut hatte, sah keine Chance für ein Comeback. Man bot ihr einen Vertrag an, der so niedrig dotiert war, dass sie davon nicht leben konnte. Offiziell wurde sie nicht fallengelassen. In der Praxis aber war sie auf sich allein gestellt.

„Es war eine wirklich harte Zeit“, gibt sie später zu. „Die Reaktionen von Menschen, die mich nur als Radsportlerin sahen, Teamkolleginnen, sogar Familienmitglieder, gaben mir das Gefühl, dass ich sie irgendwie verraten hätte.“

„Ich brauchte einfach nur jemanden, der verstand, wer ich bin – nicht nur als Sportlerin, sondern als ganzer Mensch, als Mutter. Und ich brauchte jemanden, der mich unterstützte.“

Also fuhr sie weiter, offiziell als eigenständige Fahrerin. Vertrauen und Gewohnheit waren die ständigen Trainingsbegleiter einer teamlosen Sportlerin und einer werdenden Mutter.

Im selben Jahr besuchte Treks Finanzchef Chad Brown zahlreiche Frauenrennen in ganz Europa. Er sah, was viele im Sport wussten, aber nur wenige offen zugaben: Die Kluft zwischen Männer- und Frauenradsport war riesig. 

Trek war Hauptsponsor des britischen Teams Trek-Drops. Dieses unabhängige Programm versuchte, mit begrenzten Mitteln den Frauenradsport voranzubringen. Die Partnerschaft half, Fahrerinnen einen Platz im Peloton zu sichern und die Sichtbarkeit des Frauenradsports zu erhöhen. Allerdings machte sie auch die strukturellen Defizite deutlich. Sponsoring allein reichte nicht aus.

Niedrige Löhne. Wenig Personal. Fahrerinnen, die sich Croissants in ihre Trikottaschen stopften, damit sie ausreichend Verpflegung dabeihatten. Das Talent war offensichtlich. Die Investition in den Sport nicht.

Für Chad stellte das weniger ein Problem als eine Chance dar: Bei einem derart unterentwickelten Sport konnte ein Unternehmen, das sich voll einbrachte, schnell etwas verändern.

Also wandte er sich an John Burke und stellte ihm eine einfache Frage: Weißt du, wie es im Frauenradsport gerade zugeht?

Die Führung von Trek entschied, dass das Unternehmen mehr tun konnte und sollte. Anstatt ein Team zu sponsern, nahm sich Trek vor, ein eigenes WorldTour-Frauenprogramm auf die Beine zu stellen, das dieselbe Unterstützung, dieselbe Ausrüstung und denselben Respekt wie das Männerteam erhalten sollte.

Es fehlte nur noch die richtige Fahrerin, um die es das Team aufbauen konnten.

Als Lizzie den Anruf von Trek erhielt, war sie im achten Monat schwanger. Trek fragte sie weder nach ihrem Renngewicht noch nach irgendwelchen Trainingsdaten. Stattdessen wurde sie gefragt, wie sie sich ihre Rückkehr in den Rennsport vorstellte.

„Von Anfang an verhandelten sie mit mir wie mit einer der besten Fahrerinnen der Welt“, sagt Lizzie. „Für sie war klar, dass meinem Comeback nichts im Wege stehen würde.“

Trek verpflichtete außerdem die ehemalige deutsche Profifahrerin und langjährige Fürsprecherin des Frauenradsports Ina-Yoko Teutenberg als Teamdirektorin. Gemeinsam stellten sie den ersten Kader von Trek-Segafredo Women für die Saison 2019 zusammen. 

Das neue Frauenteam teilte sich die Infrastruktur mit dem Männerprogramm: Mechaniker, Logistik, Busse und Medienteams. Lizzie erhielt sogar einen Botschaftervertrag, damit sie während ihres Mutterschutzes für ihre Familie sorgen konnte. Und sie bekam ihr volles Gehalt, bis sie bereit war, wieder Rennen zu fahren.

„Nach der Geburt meiner Tochter wollte ich unbedingt stillen“, erinnert sie Lizzie. „Das bedeutete, dass ich mindestens sechs Monate beim Baby sein musste und nicht mit ins Trainingslager konnte. Und Trek war damit einverstanden.“

„Von Beginn an herrschte gegenseitiger Respekt.“

Treks Geduld verschaffte Lizzie Platz und Zeit, sich in unbekanntem Terrain zurechtzufinden. Zwanzig Jahre lang war ihr Leben von Zahlen und Logik bestimmt gewesen. Jede Entscheidung, von Trainingsblöcken über den Rennkalender bis hin zu Höhentrainingslagern, war auf Leistung ausgerichtet. Die Schwangerschaft durchbrach dieses Muster.

„Mutter zu werden, war meine erste emotionale Entscheidung seit zwanzig Jahren“, sagt sie. „Es war befreiend.“

Und es war beängstigend. Es gab kein Handbuch für Spitzensportlerinnen, die Karriere und Familie vereinbaren wollten. Es gab keinen Datensatz, auf den man sich beziehen konnte. Genauso wenig wie Ärzte oder Sportdirektoren, die ihr genau sagen konnten, was sicher für sie war. Sie lernte durch Instinkt und jede Menge widersprüchliche Ratschläge von ihrer Mutter und anderen Verwandten und Bekannten – und von Google. Die lauteste Stimme aber war ihre eigene innere Stimme, und die sagte ihr: „Mach weiter, Lizzie.“

Im März 2019, und damit weniger als ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Orla, kehrte Lizzie zurück in den Peloton. Jenen Sommer gewann sie eine Etappe und die Gesamtwertung der The Women's Tour im Vereinigten Königreich und bewies, dass sie ihre Form und ihren Fokus nicht verloren hatte.

In den folgenden zwei Saisons wurde sie zu einer der konstantesten Fahrerinnen im Sport und zum Gesicht von Trek-Segafredo Women. 2020 gewann sie die Gesamtwertung der UCI Women's WorldTour. Im Jahr darauf holte sie den beeindruckendsten Sieg ihrer Karriere, als sie die erste Ausgabe von Paris-Roubaix Femmes gewann.

Die allererste Austragung dieses berühmt-berüchtigten Eintagesrennens, 120 Jahre nach dem ersten Männerrennen, markierte einen der bedeutendsten Momente in der Geschichte des Frauenradsports. Lizzie attackierte früh und fuhr auf mehr als 80 Kilometer Kopfsteinpflaster allein zum souveränen Sieg.

Als Lizzie zum Radrennsport zurückkehrte, hatte sich ihr Körper verändert. Die Ordnung und Struktur, die sie einst geschätzt hatte, war durch etwas Chaotischeres aber Menschlicheres ersetzt worden.

„Durch die Mutterschaft veränderte sich meine Perspektive“, sagt Lizzie. „Wenn ich jetzt ein Rennen gewann, fühlte ich echte Freude. Vorher hatte ich einfach nur Erleichterung gefühlt.“

Das Muttersein nahm ihr den Tunnelblick, der ihr Leben zuvor bestimmt hatte. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wurde Lizzie zur Kapitänin des Trek-Straßenteams ernannt und zu einer Art Mentorin, deren Intuition genauso Gewicht hatte wie jeder Leistungsdatensatz.

Mittlerweile hat Lizzie ihre Profikarriere beendet. Sie erwartet ihr drittes Kind. Im Radsport spielt sie immer noch eine wichtige Rolle – ihr Vermächtnis ist omnipräsent. Sie spricht offen mit jüngeren Fahrerinnen über Fruchtbarkeit, die Gefahren von zu geringer Energiezufuhr und die langfristigen Folgen, wenn man den eigenen Körper wie ein Versuchslabor behandelt.

Sie spricht aus, was ihr niemand gesagt hatte: Dass Leistung und Menschsein keine Gegensätze sind. Dass man ehrgeizig sein kann und sich treu bleiben kann. Dass Daten nur dann zählen, wenn man den Menschen dahinter respektiert.

„Ich möchte, dass die nächste Generation sich als ganzheitliche Menschen fühlen kann“, sagt sie. „Der Radsport sollte das ermöglichen.“

Dieses Kapitel der Radsportgeschichte zog längst überfällige Veränderungen nach sich. Andere Teams führten bessere Mutterschutzreglungen ein und weiteten ihre Unterstützung aus. Die Gehälter stiegen und die mediale Aufmerksamkeit nahm zu. Zwischen ihren beiden Schwangerschaften lagen vier Jahre, und der Unterschied in den Reaktionen war bemerkenswert: Die erste Schwangerschaft wurde skeptisch aufgenommen, die zweite mit herzlichen Glückwünschen.

Treks Entscheidung wirkte weit über eine einzelne Fahrerin oder ein einzelnes Team hinaus. Sie zeigte, dass Mitgefühl und Leistungsfähigkeit nebeneinander existieren können. Und dass die Entscheidung, das Richtige für Athletinnen zu tun, letztlich den gesamten Sport stärkt.