Pierre Bischoff - Überleben in Sibirien | Trek Bikes (CH)
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Der erfolgreiche Ultracyclist Pierre Bischoff suchte jahrelang nach seiner persönlichen Leistungsgrenze. Auf den 9211 Kilometern des Red Bull Trans-Siberian Extreme von Moskau nach Wladiwostok fand er sie.

Wer im Jahr auf seinem Rennrad 9000 Kilometer zurücklegt, gehört zu den sehr gut trainierten Sportlern. Pierre Bischoff brauchte für 9211 Kilometer ganze 24 Tage. Anlass dazu war das Red Bull Trans-Siberian Extreme. Ein Etappenrennen, das der legendären transsibirischen Eisenbahn folgt: Start in Moskau am Rande Europas, Ziel sieben Zeitzonen weiter östlich in Wladiwostok am Japanischen Meer.

Zum Vergleich: Das bekannteste Ultra-Radrennen der Welt, das Race Across America ist mit 4800 Kilometern etwas mehr als halb so lang. Bischoff gewann es 2016 und verkündete danach, er wolle nun erwachsen werden und endlich aufhören, überlange Radrennen zu bestreiten. Das Rennen quer durch Nordamerika sollte der Abschluss seiner Ära als Ultracyclist sein. Begonnnen hatte sie damals mit einer Wette, wegen der er von Duisburg bis an die Küste Kroatiens radelte. Dabei entdeckte er seine Freude daran, lange auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Er trat einem Radsportverein bei, fuhr sein erstes 24-Stunden-Mountainbike-Rennen und wurde in den folgenden Jahren zum international erfolgreichen Ultraradrennfahrer.

Palmarès Pierre Bischoff
Weltmeister Ultracycling 2017
Sieger Race Across America 2016
Dritter Platz Race Around Austria 2014
2x Sieger 24h MTB Duisburg Kategorie Einzelfahrer

Das härteste Radrennen der Welt

All das war Vergangenheit. Bischoff pedalte als Radreisender mit einem Freund durch Marokko, als er einen Anruf erhielt. Es war der Veranstalter des Red Bull Trans-Siberian Extreme, der Bischoff für die Teilnahme gewinnen wollte und betonte, sein Rennen sei das härteste der Welt. Bischoff winkte lächelnd ab, doch die Ansage ging ihm doch nicht mehr aus dem Kopf. Das härteste Rennen der Welt klang nach einem würdigen Abschluss seiner Karriere als Extremradsportler. «Stünde ich das durch?», fragte er sich wieder und wieder. Tatsächlich hatten an den zwei vorangegangenen Ausgaben des Red Bull Trans-Siberian Extreme insgesamt nur sieben Einzelfahrer das Ziel erreicht (und eine Handvoll Zweierteams). «Ich rang mit mir. Es klang nach dem Rennen, an dem ich herausfinden könnte, wo meine Grenzen wirklich liegen», erinnert er sich. Am Ende seiner Tour durch Marokko hatte er entschieden. Er würde das Erwachsenwerden verschieben und sich dem Rennen von Moskau nach Wladiwostok stellen – der ultimativen Herausforderung für ihn, der das prestigeträchtigste Ultracycling-Rennen bereits gewonnen hatte.

Pierre Bischoff, der Diplomkaufmann, Rennrad- und Mountainbike-Guide, nahm erneut eine Auszeit von der Arbeit und bereitete sich auf das Red Bull Trans-Siberian Extreme vor. Was ihm zugute kam: Radfahren ist für ihn mehr als Sport. Es ist ihm so wichtig wie das Atmen. «Sobald ich auf dem Rad sitze, lege ich einen Schalter um und denke nur noch daran, wie cool es ist, dass ich das tun kann, was ich am liebsten tu.» Das Gleiche ruft er sich in Erinnerung, wenn es hart wird, die Beine schwer wie Blei, wenn Wind und Regen von vorne kommen.

Sein Training unterscheide sich nicht von dem jedes anderen ambitionierten Radmarathonfahrers, betont Pierre: «Meine längste Trainingsfahrt war 300 Kilometer lang. 2017 war erst das zweite Jahr, in dem ich mehr als 20’000 Kilometer Rad fuhr. Mehr als die Hälfte davon waren Wettkampfkilometer.» Zur Vorbereitung auf das Red Bull Trans-Siberian Extreme gehörte, auf der 1000-Kilometer-Strecke des «Glocknerman» Ultracycling-Weltmeister zu werden. Eines aber trainierte Pierre aus Prinzip nicht: Schlafentzug. «In der intensiven Trainingsphase ist Schlaf besonders wichtig für die Regeneration. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass ich im Wettkampf mit wenig Schlaf auskomme.»

Attacke in der Sintflut

Mit zwei Betreuern reiste Pierre im Juli nach Moskau. Im Gepäck hatte er sein Domane für die flacheren Abschnitte und das Émonda für die Hügel. Team-Bus und ortskundige Fahrer stellte der Veranstalter zur Verfügung. Zwei Frauen und acht Männer nahmen die Herausforderung in der Kategorie Solo an. Wie viele würden es dieses Mal bis Wladiwostok schaffen?

Wer angesichts der kolossalen Aufgabe einen zurückhaltenden Start erwartete, sah sich bald eines Besseren belehrt: «Die ersten drei Etappen, zusammen über 1500 Kilometer, zogen wir mit durchschnittlich 35 km/h gnadenlos durch», erinnert sich Pierre. Er, der Däne Peter Sandholt und Vorjahressieger Alexei Schtschebelin aus Russland lagen gleichauf und vor dem Rest. Der Gesamtsieger würde einer von ihnen sein, das zeichnete sich bereits in der Anfangsphase des Rennens ab.

Nach über 30 Grad Hitze während der ersten drei Etappen, regnete es auf der vierten sintflutartig. Für Pierre war das der Moment um zu attackieren: «Da war ich in meinem Element: Alleine gegen den Wind, gegen die Hügel, gegen den ständigen Verkehr. Ich war im Ultracycling-Modus und voll bei mir.» Es sind diese Momente, die Pierre Bischoff auf dem Fahrrad sucht, auf denen er sich in andere Bewusstseinssphären pedalt. Stundenlang rollte er durch seine eigene Welt, fünf Minuten vor dem kleinen Feld.

Gegen Ende dieser vierten Etappe zeigte sich jedoch, was sich auf den folgenden Teilstrecken bestätigen sollte: Alexei, der ehemalige Straßenprofi, war der Stärkste im Feld. Oft fuhr er in den letzten Stunden einer Etappe einen Vorsprung heraus. «Alexei war unheimlich stark», anerkennt Pierre, «meine Chance sah ich auf den beiden längsten Etappen, 1000 Kilometer maß die eine, fast 1400 die zweite.» Bis dahin galt es, möglichst wenig Zeit auf den Russen zu verlieren.

Schlaflos in Sibirien

Doch bis dahin waren Tage und Nächte auf dem russischen Highway zurückzulegen. Kaum war eine Riesenetappe geschafft, eine kurze Nacht im Wohnmobil vorbei, startete man zu den nächsten zehn, zwanzig oder dreißig Stunden im Sattel. «Wie mein Körper darauf reagiert, war für mich das Spannende an diesem Rennen», erklärt Pierre. Nach vier bis fünf Tagen habe er sich an die Belastung und den Rhythmus gewöhnt. Das machte das Rennen natürlich nicht weniger hart. «Der Körper baut von Etappe zu Etappe ab. Bald fährt man nur noch im Bereich der Grundlagenausdauer. Da bin ich aber immer noch relativ leistungsfähig.» Soll heißen, wenn Pierre im kraftsparenden Überlebensmodus fährt, ist er immer noch mit 30 km/h oder mehr unterwegs.

Rund 10’000 Kalorien verbrannten die Teilnehmer des Red Bull Trans-Siberian Extreme täglich. Pierre hatte sein eigenes Müsli dabei, wechselte aber im Lauf des Rennens auf Couscous als Energielieferant. Im Sattel setzte er auf Snickers und Bounty: Etwa 170 Schokoriegel verdrückte er an den 24 Tagen im Sattel. «Klar hatte ich auch mal Lust auf Pizza, aber nie so stark, dass ich glaubte, ich käme ohne nicht mehr weiter.» Dass er sich richtig ernährte zeigte sich auf der Waage: «Als einziger Teilnehmer habe ich nicht abgenommen», meldet er mit einem Schmunzeln.

Auf den 9211 Kilometern in Sibirien kämpfte jeder zuerst gegen die Strecke und erst in zweiter Linie gegen die Konkurrenz. «Das Wichtigste ist mir immer das Erlebnis. Als Zweites will ich finishen und das möglichst schnell», erklärt Bischoff seine simple Renntaktik. Wie viel er geben kann, ohne seinen Finish zu gefährden, spürt er. «Ich kann auch mal ein Loch aufreißen lassen und dieses, wenn es sich richtig anfühlt, wieder zufahren.»

In der Gesamtwertung zog der Russe davon. Tatsächlich fuhr das kleiner werdende Feld aber über tausende Kilometer zusammen. Man lernte sich kennen und schätzen. Zwischen Pierre und Peter Sandholt entwickelte sich eine Freundschaft. «Er fährt mit dem gleichen Spirit Ultraradrennen. Auch für ihn steht das Erleben und Ankommen zuoberst. Darum verstanden wir uns wohl auch so gut», sinniert Pierre.

Schmerz, Drogen und Schwachsinn

Das Rennen forderte seinen Tribut. Fahrer um Fahrer musste das Rennen völlig ausgepumpt oder krank aufgeben. Bischoff ließ sich weder von kalten Nächten, holprigen Straßen, noch von Monotonie oder Sitzbeschwerden unterkriegen. «Aufgeben ist für mich nie eine Option. Ich fand das Rennen zwischendurch aber einen totalen Schwachsinn, sagte das meinen Betreuern auch. Und dann fuhr ich doch weiter.»

Am härtesten zu beißen hatte Pierre Bischoff als sich sein Intimbereich entzündete. Hautreizungen in der Gegend kennen nicht nur Gelegenheitsradler sondern auch Ultra-Athleten. Diese halt erst nach hunderten Stunden im Sattel. Bischoff ließ sich von den mitreisenden Ärzten behandeln, was die Schmerzen kurzfristig noch vergrößerte. In solchen Phasen baut er auf die Wirkung der körpereigenen Droge Endorphin – der Flow als Schmerzmittel. «In den härtesten Phasen half es mir auch, an die Leute zu denken, die über Facebook etwas zu meinem Rennen schrieben.»

Weil der Russe Alexei im Gesamtklassement davongezogen war, verlegte sich Pierre darauf, den anderen Athleten zu helfen das Ziel zu erreichen. «Ich wollte, dass wenigstens die vier verbliebenen Fahrer das Ziel erreichen.» Doch ausgerechnet Peter Sandholt, sein bester Freund im Peloton, war der nächste der aufgab. Und das unter Misstönen. «Weil ich Alexei nicht mehr angriff und auch den Veranstaltern gesagt hatte, dass mein Ziel sei, die verbliebenen Athleten ins Ziel zu bringen, warf Peter mir vor, ich fahre gar kein ehrliches Rennen. Ich fahre eigentlich für den Veranstalter.» Jetzt war Pierre mental am Boden. Doch auch dieses Mal setzte er unbeirrt das Rennen fort.

Die drittletzte war die Königsetappe. 1386 Kilometer lang, garniert mit 11’000 Höhenmetern. 55 Stunden war Pierre Bischoff unterwegs, unterbrochen nur von kurzen Verpflegungsstopps und Nickerchen am Straßenrand. Bis Kilometer 1200 schaffte er es, den Rückstand auf Alexei auf 15 Minuten zu reduzieren. Doch dann fand er, was er gesucht hatte: Die Grenze seiner Leistungsfähigkeit. «Ich sah keinen Sinn mehr darin, diese Strecke als Rennen zu fahren», beschreibt er. Der Russe zog davon vorbei und nahm ihm auf den letzten 300 Kilometern noch neunzig Minuten ab.

Am Ende der Kräfte

Tags darauf ging es auf die zweitletzte Etappe, zweimal deutlich über 700 Kilometer fehlten bis ins Ziel. «Das Rennen war entschieden. Was sollen wir jetzt noch 1500 Kilometer fahren?» stellte Pierre in dieser Phase die Sinnfrage. Und nicht nur ihm ging es so. Auch der Russe Alexei und der Brasilianer Marcelo Florentino waren leer, konnten sich kaum noch von ihren Wohnmobil-Pritschen erheben. Als Pierre dies erfuhr, erwachte sein Reiseleiterethos. Er nahm sich vor, die drei Verbliebenen nach Wladiwostok zu ziehen. Ein Gedankenspiel half ihm, die Distanz zu beherrschen: «Von meinem Wohnort Nauders im Tirol bis nach Duisburg, wo ich aufgewachsen bin, sind es 750 Kilometer. Ich stellte mir also vor, ich gehe Mama besuchen und fahre zurück nach Nauders.» Pierre Bischoff gab ein weiteres Mal die Lokomotive. Zweifel, es zu schaffen, hatte er nie. «Solange ich gesund bin, weiß ich, dass ich irgendwann ankomme, egal wie hart es ist. Jede Pedalumdrehung bringt mich dem Ziel näher.» Die 400 Kilometer, während denen er auf der zehnte Etappe Alexei in seinem Windschatten zog, bezeichnet er im Nachhinein als Highlight des Rennens. «Das war Ultra-Cycling, wie es sein muss», erklärt er.

Trotzdem ärgerte er sich, als auf der zweitletzten Etappe der Brasilianer nach Stunden an Pierres Hinterrad eine Attacke lancierte und der Russe mitging. Aus Anerkennung für seine Führungsarbeit überliessen ihm Alexei und Marcelo auf der Schlussetappe den Sieg. In der Gesamtwertung wurde Pierre Zweiter mit 315 Stunden totaler Fahrzeit und gut drei Stunden Rückstand auf den Sieger.

«Als ich im Ziel ankam, hatte ich nur einen Gedanken: Es ist vorbei! Ich war komplett leer. Ich brauche zwei Monate, um das Rennen geistig zu verarbeiten, um zu verstehen, was ich da geschafft hatte», fasst er die emotionale Reise nach dem Zielstrich zusammen. Inzwischen sieht Pierre Bischoff wieder klar und kann seine Leistung auf den vierzehn Etappen von Moskau nach Wladiwostok einordnen. Seine Schlussfolgerung: Er wird 2018 wieder an den Start gehen. Das Erwachsenwerden muss also noch ein weiteres Jahr warten.

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